WINNENDEN, WARUM?

Veröffentlicht am 27.03.2009 in Reden/Artikel

Nach dem Amoklauf eines 17-Jährigen fragt Gesine Schwan nach den Gründen. Eine Ursache sieht sie in einer Kultur, die jungen Menschen die bedingungslose Anerkennung versagt.

Ereignisse wie das in Winnenden lassen uns fassungslos zurück. Unsere Trauer gilt den Toten, unser Mitgefühl den Angehörigen der Opfer, unsere Nachdenklichkeit aber auch den Eltern des jugendlichen Täters, denn auch deren Leben wird nichts mehr so sein, wie es vorher war.

Was im März 2009 in Winnenden und Wendungen geschah, wird immer unerklärlich bleiben, schon deswegen, weil man den Täter dazu nicht mehr befragen kann. Individuelle Verwirrung, Depressionen und Isolation werden die innere Welt des Tim K. so sehr geprägt, strukturiert und in eine Richtung gedrängt haben, bis ihm seine Tat zumindest im Moment ihrer Ausführung als logisch, plausibel und gerecht erschien. Das ist die individuelle Geschichte.

Doch Winnenden ist kein Einzelfall. Selbst Erfurt 2002 und Emsdetten 2006 stehen nur als dramatisch zugespitzte Höhepunkte für eine Veränderung der (medialen) Jugendkultur, die Töten selbstverständlich einschließt, in der Leben mit Leichtigkeit aus der Hand gegeben wird. School-Shootings drohen auch in Europa zum festen Teil des Repertoires der Gewalt zu werden. Und Deutschland führt seit Winnenden die europäische Statistik an.

Diese Veränderung der Gewaltkultur kontrastiert auf eigentümliche Weise mit der langen Periode des Friedens, in der wir leben dürfen, und die maßgeblich zur Pazifizierung unserer Gesellschaft beigetragen hat. Einschlägige Forschungen zeigen, dass die Abwesenheit von Krieg zur Senkung der Gewaltpotenziale in einer Gesellschaft beiträgt, dass es etwa zehn Jahre nach dem Ende eines Krieges zum Sinken der Mordrate kommt, die allgegenwärtigen Waffen aus dem Umlauf verschwinden, Soldaten und Zivilisten ihre Traumata überwinden und insgesamt zivilere Verhältnisse einkehren.

Inmitten der langen Friedensperiode seit 1945 erleben wir nun aber eine De-Zivilisierung unserer Gesellschaft, die Rückkehr von Gewaltobsessionen und auch die von realer Gewalt - von Afghanistan bis Winnenden. Es wäre wohlfeil, die Taten des Einzelgängers Tim K., der noch dazu in sozial eher privilegierten Verhältnissen aufwuchs, nur auf die gesellschaftlichen Verhältnisse zu schieben. Aber einen sozialen Kontext haben sie doch.


„Winnenden ist ein Indikator für eine allgegenwärtige Angst, zu den Verlierern zu gehören, die in unserem Land herrscht.“

Gesine Schwan


Verlust innerer Wärme

Es hat sich etwas verändert in diesem Land, und der sich abzeichnende Dammbruch lässt sich auch nicht mit dem Verbot bestimmter Videospiele und der Einrichtung von Sicherheitsschleusen an Schultoren auffangen. Unserem Land ist etwas von seiner inneren Wärme verloren gegangen, und an ihre Stelle tritt mehr und mehr eine Kultur der Kälte, des Kampfes.

Die Ökonomisierung aller Lebensbereiche und das mit ihr einhergehende überall präsente Wettbewerbsprinzip haben ganz offenbar psycho-physische Folgen. Es vereinzelt die Menschen, fügt ihnen innere Wunden zu und lässt beschädigte Persönlichkeiten, zurück. Dies gilt besonders für unsere Bildungsinstitutionen, die eigentlich vor dem Markt geschützte Räume sein sollten, und es gilt mehr für die Ober- als die Grundschulen. Auf Effizienz getrimmte Ausbildungsinstitutionen treten jungen Menschen in der verletzlichsten Phase ihres Lebens gegenüber. Unsere Schulen, die doch Vorbild sein, Vertrauen vermitteln und auch Liebe und Hingabe lehren sollen, drohen unter dem allgemeinen Ökonomisierungs- und Wettbewerbsdruck zunehmend zu Rating-Agenturen zu werden, die in bürokratischen Prozessen Gewinner und Verlierer festlegen. Der Bildungsweg - einst eine Quelle von individuellen Freiheitsgewinnen - wird zum Lebenskampf. Die Angst, zu verlieren und die Sorgen um den Arbeitsplatz werden zu treibenden Motiven des eigenen Handelns. Auf diese Weise ziehen wir auch Verantwortungsträger heran, die, wenn es darauf ankommt, allzu leicht als Mitläufer handeln, weil sie sich nicht positiv aus eigener Verantwortung, sondern immer nur in negativer Abgrenzung zu anderen profiliert haben.

Im Abschiedsbrief, den Sebastian B., der Amokläufer von Emsdetten, 2006 zurückließ, hieß es, ein „Verlierer" zu sein sei alles, was die Schule ihm „intensiv` beigebracht habe. Dabei sei auch er ein Mensch, der es verdiene, „beachtet zu werden". Genau diese bedingungslose Anerkennung versagen heute Schulen den jungen Menschen vielfach, da sie Wertschätzung immer häufiger nur im Austausch für Planerfüllung und Erfolg aussprechen dürfen. Doch wenn Jugendliche lernen sollen, das Leben als solches zu bejahen, müssen sie persönlich das Gefühl haben, um ihrer selbst willen bejaht zu werden.


Immer mehr Druck

Diese bedingungslose Bejahung auch schwieriger junger Persönlichkeiten fällt den Pädagogen umso schwerer, je stärker sie ihrerseits in das System immer höherer Leistungserbringung gezwungen werden. Potenzialsteigerungen an der Spitze stehen längst riesige Kohorten von Totalverweigerern gegenüber. 80 000 Schüler pro Jahr verlassen die deutschen Schulen ohne Abschluss, obwohl sie wissen, dass sie sich damit eines erheblichen Teils ihrer Lebenschancen berauben.

Diese Menschen kapitulieren vor den Anforderungen, die an sie gestellt werden. Damit werden sie zum Symbol eines zunehmend nervösen Landes. Denn das durchgängige Konkurrenzprinzip des Turbo-Kapitalismus mit seinen immer weitergehenden Programmen zur Effektivierung und Rationalisierung der Wertschöpfung setzt die Menschen - die rapide Zunahme psychischer Erkrankungen indiziert dies eindeutig — unter einen ungeheuren Leistungs- und Handlungsdruck, den sie oft nur schwer mit sich selbst ausbalancieren können.

Winnenden ist weder ein Symbol für die totale Verrohung unserer Gesellschaft noch für das völlige Versagen unserer Institutionen. Dafür ist das Geschehene zu unfassbar, zu sehr zwar nicht Einzel-, aber immerhin Ausnahmefall. Doch ein Indikator für eine allgegenwärtige Angst, zu den Verlierern zu gehören, die in unserem Land herrscht, ist das Geschehene allemal.



Gesine Schwan, geboren 1943 in Berlin, ist die SPD-Kandidatin für die Bundespräsidentenwahl



Vorwärts - Das Monatsblatt für soziale Demokratie - Ausgabe April 2009

 
 

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