Gewerkschaften retten die Demokratie – Vor 100 Jahren: Generalstreik stoppt Militärputsch

Veröffentlicht am 19.03.2020 in Historisches

19. März 1920: Es lohnt sich, daran zu erinnern: Vor 100 Jahren haben die Gewerkschaften durch einen Generalstreik die junge deutsche Demokratie gerettet. Rechtsextreme Kräfte wollten beim „Kapp-Putsch“ die gerade gewonnene Freiheit abschaffen. Mit dem größten Generalstreik in der deutschen Geschichte haben ADGB, AfA-Bund, christliche Gewerkschaften und der Beamtenbund innerhalb von fünf Tagen den rechten Umsturzversuch beendet.

 

Ein gestraffter historischer Rückblick:

Die junge Republik hat 1918 ein innen- wie außenpolitisch schweres Erbe angetreten. Alte Machtstrukturen haben das untergegangene Kaiserreich überlebt, die Festlegung auf eine parlamentarische statt einer Rätedemokratie war bis zur Verfassung im August 1919 konfliktreich, und die vom Versailler Friedensvertrag festgelegten politischen Konditionen, so auch die Demobilisierung stießen bei den Nationalkonservativen und den Reichswehrmilitärs auf heftigen Widerstand. Die Koalitionsregierung aus Sozialdemokraten, Zentrum und Liberalen (DDP) stand einer polarisierten Parteienlandschaft in der Nationalversammlung gegenüber. So befand sich die Weimarer Republik, die junge Demokratie, im Frühjahr 1920 in einem fragilen Zustand. Sie zu beseitigen, war das Ziel von großen Teilen der Nationalkonservativen und vor allem des Offizierkorps.

 

12. März 1920: Putschisten besetzen das Regierungsviertel

Am Nachmittag des 12. März 1920 erfährt das Reichskabinett, dass Verschwörer unter Führung von Generalleutnant Walther von Lüttwitz die Reichsregierung absetzen und die Nationalversammlung auflösen wollen, ein Staatsstreich unmittelbar bevorsteht. Die zur Loyalität gegenüber der Regierung verpflichtete Reichswehr verwehrt der Regierung den Schutz mit der Formel „Reichswehr schießt nicht auf Reichswehr“. Die Regierung flüchtet vor wahrscheinlichen Verhaftungen zunächst nach Dresden, dann weiter nach Stuttgart.

In der Nacht zum Samstag rollt eine mit Maschinengewehren und Geschützen bewaffnete Marinebrigade mit 5 000 Soldaten unter dem Kommando von Kapitän Hermann Ehrhardt nach Berlin, zieht am Brandenburger Tor die Reichskriegsflagge des Kaiserreichs auf und besetzt das Regierungsviertel. Einer der führenden Verschwörer, der ehemalige ostpreußische Landschaftsdirektor Wolfgang Kapp, betritt gegen 7 Uhr die Reichskanzlei und erklärt die Regierung für abgesetzt. Währenddessen verlassen nahezu alle Beschäftigten das Gebäude. Kapp wähnt sich als Reichskanzler, aber er ist ohne Kanzlei.

 

Generalstreik 1920: Militärputsch als Bedrohung für die Gewerkschaften

Einen Militärputsch, eine abgesetzte Regierung und ein aufgelöstes Parlament erkennen die Gewerkschaften als unmittelbare Bedrohung. Carl Legien, der Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) ruft alle in Berlin erreichbaren Funktionäre in das Gewerkschaftshaus am Engelufer, mit dabei ist auch die Arbeitsgemeinschaft freier Angestelltenverbände (AfA) mit ihrem Vorsitzenden Siegfried Aufhäuser. Die Gewerkschafter beschließen einen Generalstreik.

Noch am gleichen Abend drosseln die Beschäftigten der Energieversorger den Strom in Berlin. Ab dem nächsten Tag bleiben in den Städten Busse und Straßenbahnen in den Depots, Eisenbahnzüge in den Bahnhöfen, und ab Montag wird auch in der Industrie, in Kaufhäusern und Banken gestreikt. Die christlichen Gewerkschaftsbünde und der Beamtenbund schließen sich dem Generalstreik an. Etwa 12 Millionen Arbeiter, Angestellte und Beamte haben sich dem Generalstreik angeschlossen.

 

Der ADGB-Vorsitzende lehnt Kooperation mit Putschisten ab

Wolfgang Kapp, der Reichskanzler ohne Legitimation, sucht das Gespräch mit den Gewerkschaften. Tatsächlich kommt es am 15. März 1920 zu einem Gespräch mit Carl Legien. Kapp versucht zu erklären, dass sich der Putsch nicht gegen die arbeitende Bevölkerung richte und er bereit sei, Gewerkschafter mit in die Regierung aufzunehmen. Für den ADGB-Vorsitzenden keine Verhandlungsbasis. Nach wenigen Minuten ist das Gespräch beendet. Kapp und die ihn unterstützenden Militärs antworten unverhohlen mit massiven Drohungen, den Streikanführern sowie Streikposten mit Erschießung. Die Soldaten auf der Straße befolgen den Befehl, schießen in diskutierende Menschenmengen, stellen Streikende an die Wand. Wie viele Menschen in diesen Tagen ums Leben kommen, ist bis heute unbekannt.

 

Generalstreik 1920: Nach fünf Tagen geben die rechten Putschisten auf

Am 17. März 1920, dem fünften Tag nach Beginn des Militärputsches geben dessen Anführer auf und flüchten. Die Regierung ruft zur Beendigung des Generalstreiks auf. Dem widersetzen sich die Gewerkschaften – aus gutem Grund: Das Vertrauen in die Regierung hat Schaden genommen. Sie fordern in einem Neun-Punkte-Katalog eine umfassende Demobilisierung der Reichswehr und deren Verbände und vor allem endlich entscheidende Mitwirkung an der Neuordnung der politischen Verhältnisse in der Republik. Gewerkschaftsführung und Regierung verhandeln zwei Tage und Nächte und verständigen sich auf einen Acht-Punkte-Plan, der den ursprünglichen Forderungen nur teilweise entgegenkommt. Zur Wiederherstellung politischer Stabilität erklären die Gewerkschaften den Generalstreik am 20. März 1920 für beendet.


Mehr: https://www.dgb.de/themen/++co++7bb9d85a-53cb-11ea-a08d-52540088cada

 
 

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