Geradlinig mit Leidenschaft: Norbert Blüm

Veröffentlicht am 13.05.2020 in Politik

Ein Leben in sozialkatholischer Tradition für eine humane und solidarische Gesellschaft

 

Bevor Wellen des Mitleids und vielstimmigen Bedauerns sich über ihn ergießen würden, wollte er lieber selbst Herr der Nachrichtenlage bleiben: Norbert Blüm, der stets quicklebendige und meistens frohgemute Elder Statesman der deutschen Sozialpolitik, gab am 12. März der Wochenzeitung „Die Zeit“ persönlich Auskunft über seinen Befund und sein Befinden. Nach einer Blutvergiftung sei er an Armen und Beinen gelähmt, berichtete er, und sein Rollstuhl sei jetzt „der Standort, von dem aus ich die Welt betrachte“. Aber die nach vielen Monaten in der Klinik neu gewonnene Kraft, die „große Willensanstrengung“, mit der er zuletzt seinem Körper fast jeden Atemzug abringen musste, haben am Ende nicht mehr gereicht zum Leben. Am 23. April 2020 ist Norbert Blüm, der Gewerkschafter, Politiker und Vorkämpfer für die Menschenrechte in aller Welt, im Alter von 84 Jahren in Bonn gestorben.

 

Das Schlimmste schien überstanden

Drei Tage vor seinem Tod hatte „Cicero“-Autor Hartmut Palmer den augenscheinlich Genesenden in seinem Garten in der Bonner Südstadt besucht. Palmer, über Jahrzehnte journalistischer Wegbegleiter Blüms, schreibt: „Alle dachten, er sei über den Berg. Das Schlimmste schien überstanden: Er saß im Rollstuhl und bat energisch darum, nicht in den Schatten geschoben zu werden.“ Blüm habe geredet „wie früher, nur etwas leiser, […] klar in der Analyse, sicher im Urteil, angriffslustig wie immer und hellwach. Und er zeigte mir die Fortschritte, die er inzwischen gemacht hatte, winzige kleine Besserungen, die er sich mühsam antrainieren musste.“

 

Vor dem Hintergrund der um sich greifenden Corona-Pandemie wertet der Journalist als „prophetisches Vermächtnis“ Blüms, was der studierte Theologe und Philosoph in der „Zeit“ geschrieben hatte: „Die Krankheit erlaubt keine Flucht in Ausreden. Schnörkellos führt sie uns zu dem, was wir sind. Die Krankheit zerstört unsere Allmachtsfantasien und dämpft unsere versteckten Überheblichkeiten. Alle Prestige-Vehikel, Orden und Ehrenzeichen verlieren ihre Bedeutung. So sind wir, wie wir sind, mit der Krankheit allein.“

 

Die Rente ist sicher

Das berühmteste Zitat von Norbert Blüm stammt aus dem Jahre 1986:

Die Rente ist sicher. Dafür hat er in der Folgezeit viel Spott geerntet, weil viele Menschen sich hatten weismachen lassen, sie sei es nicht. Unvergessen ist aber auch der Auftritt des Ex-Ministers in der ZDF-Satiresendung „Die Anstalt“ vom 11. März 2014 unter dem Motto „Private Vorsorge einfach erklärt“, in der Blüm sich beschwerte, er habe für diesen Spruch „20 Jahre im Kabarett was auf die Fresse gekriegt“, und unter stehenden Ovationen des Studiopublikums ankündigte: „Jetzt schlage ich zurück“ – nachzuschauen unter dem Link https://kurzlink.de/ykttZyvUi - Für Ungeduldige: Blüms Auftritt beginnt ungefähr bei Minute 5:30.

 

Dem Arbeiterkind Norbert Sebastian Blüm, geboren vier Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkriegs in Rüsselsheim am Main, war der Zugang zu höherer Bildung praktisch erst einmal verschlossen geblieben. Also besuchte es bis 1949 die Volksschule. Der junge Mann wurde Messdiener und Pfadfinder und trat 1949 eine Lehre als Werkzeugmacher an – bei der Adam Opel AG, wo er auch zum Jugendvertreter gewählt wurde, 1950 der Industriegewerkschaft Metall beitrat und zunächst viele Jahre im erlernten Beruf arbeitete.

 

Über den zweiten Bildungsweg holte der schon länger auch in der CDU und den Sozialausschüssen der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA) engagierte Jung-Politiker 1961 am Abendgymnasium das Abitur nach. Dem folgte – mit Unterstützung der gewerkschaftlichen Stiftung Mitbestimmung (heute: Hans-Böckler-Stiftung) – ein Studium der Philosophie, Germanistik, Geschichte und Theologie in Bonn, u.a. bei dem nachmaligen Kardinal Joseph Ratzinger und späteren Papst Benedikt. Im Jahre 1967 schloss der gelernte Metallfacharbeiter seine Doktorarbeit ab.

 

Frühes Engagement in CDU und IG Metall

Ein Jahr später avancierte Blüm zum Hauptgeschäftsführer des Arbeitnehmerflügels der Union und 1977 zum CDA-Bundesvorsitzenden. 1972 wurde er erstmals in den Bundestag gewählt. Zehn Jahre später platzte nach 13 Jahren die sozialliberale Regierungskoalition aus SPD und FDP, und der neue Bundeskanzler Helmut Kohl berief den ambitionierten Metall-Gewerkschafter als Arbeits- und Sozialminister in sein erstes schwarz-gelbes Kabinett. Norbert Blüm sollte in der Folge der einzige Minister sein, der der Regierung vom Beginn der Kanzlerschaft Kohls bis zu ihrem Ende 1998 angehörte. Mit seiner Berufung zum Minister begann für ihn auch eine 16 Jahre dauernde Gratwanderung zwischen Katholischer Soziallehre und seinen gewerkschaftlichen Überzeugungen einerseits und andererseits den teils diametral gegenteiligen Forderungen des Wirtschaftsflügels der eigenen Partei und den wirtschaftsliberalen Vorstellungen des Koalitionspartners FDP.

 

Zu Blüms wichtigsten Gegenspieler auf Seiten der sozialdemokratischen Opposition avancierte mit den Jahren der Bundestagsabgeordnete Rudolf Dressler. Der Schriftsetzer und langgediente Betriebsratsvorsitzende aus Wuppertal, zuvor Parlamentarischer Staatssekretär in dem Ministerium, das Blüm nun leitete, wurde sozialpolitischer Sprecher der SPD, war Bundesvorsitzender der SPD-Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen (AfA) und leidenschaftlich engagiert in der Industriegewerkschaft Druck und Papier. Dressler sagt heute über seinen langjährigen persönlichen Freund Norbert Blüm: „Wir beide haben uns in 20 Parlamentsjahren nichts geschenkt. Aber trotz mancher Härte und Schärfe in der Sprache hat es nie an gegenseitigem Respekt gemangelt, Respekt vor den Grundsätzen, Respekt vor der Persönlichkeit.“

 

Größter Erfolg: die Pflegeversicherung

Hauptsächlich diesem Spiel über Bande zwischen Blüm und Dressler, ihrer Übereinstimmung in Grundüberzeugungen ist es wohl zu danken, dass es ihnen gelang, heftige Angriffe auf den Sozialstaat abzuwehren, die bereits in den 1980-er und 1990-er von interessierter Seite vorgetragen wurden, und Dammbrüche zu verhindern. Und auch sozialpolitischen Fortschritt durchzusetzen wie etwa die gesetzliche Pflegeversicherung, die – bei mancher Unzulänglichkeit – für immer mit dem Namen des Sozialpolitikers Norbert Blüm verbunden bleibt.

 

Detlef Hensche, der langjährige Vorsitzende der ver.di-Gründungsorganisation IG Medien, bestätigt: Natürlich gab es Konflikte, etwa als Norbert Blüm als Arbeitsminister 1985 den ersten, folgenreichen Schritt tat, die Befristung von Arbeitsverträgen ohne sachlichen Grund zuzulassen. Doch das tut dem Respekt vor dem Sozialpolitiker und engagierten Menschen Norbert Blüm keinen Abbruch.“ Blüm habe für die Idee einer humanen und solidarischen Gesellschaft gebrannt und zeitlebens für seine Überzeugung gestanden – unbeirrt und geradlinig: „Auch als der Wandel des Zeitgeistes nicht nur seine eigene Partei ergriff“, so Hensche weiter, „sondern auch die rot-grüne Koalition ermunterte, an wesentliche Elemente sozialstaatlicher Sicherung Hand anzulegen, ist Norbert Blüm sich treu geblieben – und hat Recht behalten.

 

Ähnlich denkt Hans-Jürgen Urban, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Industriegewerkschaft Metall, deren Mitglied der CDU-Politiker sieben Jahrzehnte war: Als Arbeits- und Sozialminister habe Norbert Blüm mitunter Entscheidungen getroffen, die in den Gewerkschaften nicht auf ungeteilte Zustimmung stießen. „Und dennoch: Er war Gewerkschafter und Sozialpolitiker durch und durch, repräsentierte wie kaum ein anderer die sozialkatholische Traditionslinie der deutschen Gewerkschaftsbewegung. Als der Sozialstaat verstärkt unter den Druck der neoliberalen Demontagepolitik geriet, stand Norbert Blüm ohne Wenn und Aber an der Seite derer, die insbesondere die soziale Rentenversicherung mit geradezu aufopferungsvollem Engagement verteidigten.“

 

„Konnte auch über sich selbst lachen“

Für Elke Hannack, die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), war Norbert Blüm nach eigenen Worten immer ein Vorbild. Hannack, studierte Theologin wie Blüm, erprobte Supermarktkassiererin und Gesamtbetriebsratsvorsitzende sowie – vor ihrer DGB-Zeit – Mitglied des ver.di-Bundesvorstands, gehört selbst der Christen-Union an, sitzt im CDU-Bundesvorstand und ist stellvertretende CDA-Bundesvorsitzende. Sie sieht Norbert Blüm als „aufrechten Politiker und lieben Kollegen“, der keiner Konfrontation aus dem Weg gegangen sei und sich kritisch mit seiner Partei und auch mit der Kirche auseinandergesetzt habe: „Das hat er ab und zu auch zu spüren gekriegt.“ Norbert Blüm sei „praktisch und unkompliziert“ gewesen: „Er hatte unglaublich viel Humor, und er konnte auch über sich selbst lachen.“

 

Alle, die man fragt, wie sie den Politiker und den Menschen Norbert Blüm sehen, wissen zu gefühlt 99 Prozent ausschließlich Gutes zu berichten, und zwar weit über die Benimmregel hinaus, dass man über Verstorbene eben nur Gutes sagen solle. Und es gäbe noch eine Menge mehr zu berichten, zum Beispiel über seinen mutigen Einsatz für Geflüchtete und politisch Verfolgte in vielen Ländern der Welt. Und es sind seine Empathie, seine Selbstlosigkeit, seine persönliche Bescheidenheit, seine Unverstelltheit und Glaubwürdigkeit, die seine politische Lebensleistung unterstreichen.

 

Henrik Müller / Hermann Zoller

 
 

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