Ein Ex-Nazi und Rotlicht-Rocker packt aus: Philip Schlaffer kriegt die Kurve

Veröffentlicht am 04.05.2020 in Allgemein

Am Ende entschuldigt er sich: bei „meiner Mama Margit und meinem Papa Karl“. Sie haben ihn nie aufgegeben und in den düstersten Stunden aufgefangen. Auch seine Geschwister haben ihm immer wieder die Hand gereicht, obwohl er sie oft weggestoßen hat: „In Liebe. Philip.“

 

Philip hat dieses Buch geschrieben, um die Lehren festzuhalten, die er selbst nach einem beinharten Leben gewonnen hat. Damit diese nicht so als Theorie mehr oder weniger glaubhaft beziehungslos im Raum rumstehen, hat er sein Leben schonungslos aufgeschrieben. Das ist interessant zu lesen vor allem für jene, die sich in einer ähnlichen Lebensphase befinden oder zumindest ein solches Milieu toll finden und versucht sind da vielleicht auch mal reinzutauchen. Lesenswert auch für jene, die es mit jungen Menschen zu tun haben, die unsicher im Leben stehen.

 

„Einmal Nazi, immer Nazi“– dieser Satz wurde mir so oft um die Ohren gehauen, dass ich genau weiß, dass ihn auch beim Lesen dieser Zeilen viele Leute denken werden. Kann ein Typ, der in seiner Jugend als Neonazi Hakenkreuzfahnen geschwungen hat, der professionell die Hassbotschaften des Rechtsrock verbreitet und als Anführer eines Rockerclubs Drogen- und Rotlichtgeschäfte betrieben hat, sich wirklich ändern? Darf er die Seiten wechseln und wieder zu den Guten gehören? Und wenn ja: Berechtigt ihn das dazu, mit seiner Geschichte ein Forum in der Öffentlichkeit zu bekommen?“ Das fragt sich Philip Schlaffer gleich zu Beginn seines Vorworts. Die Antwort: Er darf schreiben, er muss an die Öffentlichkeit.

Das Schreiben hat vor allem ihm gutgetan. Er hat alles nochmals durchgeknetet, durchgedacht. Dabei hat er in ein tiefes Loch geschaut. Dort hat er Schreckliches gesehen: „Dass ich von hasserfüllten, menschenverachtenden Idealen besessen gewesen war. Dass ich mich aus Machtgeilheit immer tiefer in meine Täterrolle reingesteigert hatte. Dass unzählige Menschen durch mein Zutun hatten leiden müssen. … Man ist im Tunnel, hält sich für unbesiegbar, sieht sich als Krone der Schöpfung und blendet die eigene Verrohung einfach aus.“

 

Beim Schreiben hat er gar nicht an eine Veröffentlichung als Buch gedacht. Philip Schlaffer wollte seine Geschichte einfach nur so für sich selbst aufschreiben, um der Frage auf den Grund zu gehen: „Wie bist du zu der Person geworden, die du heute bist?“ Als Ziel hatte er im Auge, einfach wieder glücklich werden zu wollen. Aber der Neustart gelang nicht so eben mal. Die Vergangenheit holte ihn ein. Wegen seiner illegalen Drogengeschäfte musste er für zwei Jahre und zehn Monate in den Knast. „In Anbetracht dessen, was ich sonst noch alles auf dem Kerbholz hatte, eigentlich ein harmloser Richterspruch.“ Trotz dieser Einsicht fiel er im Gefängnis erst mal in ein tiefes Loch. Psychologische Hilfe wurde ihm versagt – nach dem Motto: „Laut Landgericht ist einer Person wie Ihnen nicht zu helfen, Ihnen steht hier gar nichts zu.“

 

Ohne psychologische Überhöhung erleben Leser und Leserin dieses Buches mit, wie dieser Mensch dazu gebracht wird, das Vergangene als Bestandteil seines Ichs zu erkennen und zu akzeptieren, um dann doch zu seinem persönlichen Recht zu finden, einen neuen Weg einschlagen zu dürfen: „Dass ich meine Abkehr von rechten Weltanschauungen und kriminellen Machenschaften nicht getroffen hatte, um irgendwem zu gefallen oder es anderen recht zu machen, sondern weil ich wirklich fertig war mit dem ganzen Mist.“

 

Philip Schlaffer wuchs in einem ordentlichen Haushalt auf. Dennoch machte er sich auf in die Szene. Und da war er dann wirklich kein Kind von Traurigkeit. Er erzählt viele seiner Erlebnisse. Das liest sich spannend nicht nur für den, der sich da nicht so gut auskennt. Die Geschichten sind realistisch und wichtig, weil sie erkennbar machen, wie man da immer mehr reinrutscht, sich begeistert.

„Als das Pfefferspray schon auf der Haut zu brennen begann, drückte der Kamerad auf dem Beifahrersitz kurzerhand den Fuß der Frau aufs Gaspedal. Der Wagen schoss los. Polternd fegte er zwei der Angreifer zur Seite und kachelte bei Rot über die Kreuzung. Als nach dreihundert Metern vier Polizeiwagen heranschossen und sich uns in den Weg stellten, war die Fahrerin wieder zur Besinnung gekommen. Sie ging in die Eisen und brachte das Taxi zum Stehen.“

In Newcastle lernt er das lockere englische Schulwesen kennen und erfreut sich an Tea-Time. Zurück in Deutschland findet er in seiner alten Klasse keinen Anschluss mehr, dafür Lehrer, die knallhart die Jugendlichen auf Leistung trimmen wollen. Erste Kontakte zur Neonazi-Szene und so rutscht Philip Schlaffer immer tiefer ins Milieu mit all seinen Facetten: Alkohol, Schlägereien, Protitution, Drogenhandel, rechtsradikale Aktionen – nichts lässt er aus. Er erzählt seine Erlebnisse realistisch, von der „Wolfshöhle“ in Roststock, über seine Leidenschaft für die MP40-Stabmaschinenpistole von Schmeisser – für Leser und Leserin spannend geschildert – aber so, dass deutlich wird, was in ihm vorgeht, wie er zu dem wurde, der er lange Zeit war.

Der Ausstieg kam nicht plötzlich; es war ein langsames Ausschleifen. Und dann: „Da für mich nach all dem Beef nie zur Debatte stand, die alten Kontakte neu zu beleben, blieb mir gar nichts anderes übrig, als neu anzufangen. Aber wie? Und wo? Ich hatte die große Sorge, nicht wieder Fuß fassen zu können und von der Gesellschaft, die ich vorher bekämpft hatte, weggestoßen zu werden. Und kann das auch bei anderen bestens nachvollziehen. Allerdings gibt es für Aussteiger noch ein zwei­tes, vielleicht sogar viel größeres Problem: Die Vergangenheit schläft nicht. Sie sitzt einem immer im Nacken, und wenn es scheiße läuft, haut sie einem irgendwann mit eisernem Kiefer die Zähne ins Fleisch. So war es in meinem Fall. Und dieser Teil dieses Buches ist nicht minder spannend – und hilfreich.

Hermann Zoller

 

 

Philip Schlaffer

Hass. Macht. Gewalt.

Ein Ex-Nazi und Rotlicht-Rocker packt aus

18,00 Euro
Droemer/Knaur (2020), Deutsch, Kartoniert
ISBN 9783426278253

 
 

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